Partizipation in (stadt)räumlichen Entwicklungsprozessen
2010 wurde ProjektForum als Kommunikationsagentur für gesellschaftspolitische Themen gegründet, seit rund drei Jahren legt das soziokratisch agierende Team seinen Fokus auf Partizipation und Prozessgestaltung. Seitdem haben sich bei ProjektForum vor allem zwei Typen von Prozessen etabliert: Die einen behandeln vorwiegend gesellschaftspolitische Fragestellungen, die anderen sind räumlich respektive sozialräumlich ausgerichtet. Drei (stadt)räumliche Prozesse betrachten wir in diesem Beitrag genauer.
Projekte aus Städten und Gemeinden, die sich an der Schnittstelle zwischen gebautem und gelebtem Raum bewegen, haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen: Die Haltung, dass Projekte, die den öffentlichen Raum betreffen, mit der Öffentlichkeit partizipativ erarbeitet werden können und müssen, ist heute deutlich stärker verbreitet als zur Gründungszeit von ProjektForum. Und zwar nicht nur, weil dadurch nicht an der Bevölkerung vorbeigeplant wird und die Projekte breiter abgestützt sind, sondern auch, weil der Einbezug von lokalem Wissen einen tatsächlichen inhaltlichen Gewinn für die konkrete Ausgestaltung der Projekte bedeutet.
Von Dialoggruppen, Partizipationsspielräumen und Andockzeitpunkten
Eine dominierende Fragestellung unserer täglichen Arbeit ist, welche Dialoggruppen jeweils mit der «Öffentlichkeit» gemeint sind und mit welchen Formaten die Betroffenen zu Beteiligten gemacht werden können. Eine weitere zentrale Fragestellung ist jeweils, wie gross der Partizipationsspielraum im Einzelfall ist. Um das zu veranschaulichen, besuchen wir in diesem Beitrag drei Praxisbeispiele: Die Testplanung zum Stadtraum Bahnhof Winterthur, den Strassen- und Werkleitungsbau Altstetten West in der Stadt Zürich sowie die Quartierentwicklung Viererfeld in der Stadt Bern. Die drei Prozesse haben vergleichbare Dialoggruppen, docken aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten an das jeweilige Planungs- und Bauprojekt an und unterscheiden sich auch in ihrer Partizipationsstufe.

Winterthur: Testplanung Stadtraum Bahnhof
Wir beginnen unsere Besichtigung in Winterthur, mit rund 120’000 Einwohner*innen die sechstgrösste Stadt der Schweiz. Den hiesigen viertgrössten Bahnhof der Schweiz nutzen täglich rund 120’000 Passagiere, für das Jahr 2050 sind über 180’000 Passagiere prognostiziert. Zur Bewältigung dieses Wachstums ist ein Ausbau des Bahnangebots notwendig. Im Zuge dieser Entwicklung soll gleichzeitig eine Vorstellung davon entstehen, wie sich die umliegenden öffentlichen Räume sowie das Miteinander der verschiedenen Verkehrsträger entwickeln könnte.
Eine Testplanung des Amtes für Städtebau mit partizipativen Elementen liefert konkrete Lösungsansätze für diese Transformation. Dabei lohnt sich der Blick besonders auf die organisierte Öffentlichkeit: In abendlichen Workshops des breit aufgestellten «Echoraums» erhalten Vertreter*innen unterschiedlicher Organisationen und Verbände die Möglichkeit, direkt mit den drei Testplanungsteams in den Dialog zu treten, noch vor den verfahrensüblichen Zwischenbesprechungen der Testplanungsteams mit dem Begleitgremium, die jeweils am Folgetag stattfinden. Die Rückmeldungen der organisierten Öffentlichkeit fliessen somit sehr unmittelbar in das Projekt ein.

Zürich: Strassen- und Werkleitungsbau Altstetten West
Wir setzen unsere Besichtigung rund 25 Kilometer südwestlich in der grössten Stadt der Schweiz fort. Während der Treiber für die Transformation in Winterthur der Ausbau des Bahnangebots ist, ist es beim Projekt Strassen- und Werkleitungsbau Altstetten West in der Stadt Zürich der Ausbau der Fernwärme, die den Takt vorgibt. Gleichzeitig werden bestehende Werkleitungen saniert, und wenn der Boden schon geöffnet wird, wird beim Schliessen auch gleich die Chance genutzt, den öffentlichen Strassenraum neu zu gestalten. Zwischen Ende April und Ende Mai 2026 hat die Planauflage gemäss § 13 des Strassengesetzes des Kantons Zürich stattgefunden.
Im Vergleich zu Winterthur dockte der partizipative Prozess in Zürich später an das Projekt an. Hier hatte das zuständige Tiefbauamt bereits Rahmenbedingungen, Vorgaben und Abhängigkeiten beleuchtet und planerische Grundlagen erarbeitet, bevor es in den Dialog mit der Öffentlichkeit trat: Wie verlaufen die neuen Leitungen? Welche Potenziale bietet dies an der Oberfläche für die Begrünung? Und wie sieht die künftige Verkehrsführung und Parkierung aus, damit (Strassen)Räume mit mehr Aufenthaltsqualität entstehen? In diesem Fall wurde mit der Öffentlichkeit also ein bereits erarbeiteter konkreter Lösungsvorschlag für sechs Kilometer Strasse gespiegelt. Der Partizipationsspielraum war in diesem fortgeschrittenen Stadium der Projektierung entsprechend eingeschränkt, aber eben doch gross genug, dass sich der Einbezug der Öffentlichkeit lohnte: Gerade die Verkehrsführung konnte dank Rückmeldungen aus der «Echogruppe» angepasst werden.

Bern: Quartierentwicklung Viererfeld
Als letztes besuchen wir die Quartierentwicklung Viererfeld in der Bundesstadt Bern. Dereinst sollen hier rund 3’000 Menschen leben und arbeiten. Bemerkenswert zu diesem Prozess ist, dass das Areal bereits seit mehreren Jahren zwischengenutzt wird: Der sogenannte «Vorpark» ist 2019 aus Quartierinitiativen entstanden und wird von Stadtgrün Bern gemeinsam mit Organisationen und interessierten Einzelpersonen aus dem Quartier zum Stadtteilspielplatz weiterentwickelt. Diese Transformation des bestehenden Grünraums in den künftigen Stadtteilpark in Verbindung mit der Realisierung des neuen Quartiers wird Jahrzehnte in Anspruch nehmen.
Das Projekt Stadtraum Bahnhof Winterthur ist entlang der SIA-Norm 112 der Phase «Strategische Planung» (1) zuzuordnen, beim Projekt Strassen- und Werkleitungsbau Altstetten West wurde die Partizipation in der späteren Phase «Projektierung» (3) angedockt. Die Quartierentwicklung Viererfeld befindet sich im Modell des SIA an einem ähnlichen Ort wie unser Zürcher Beispiel und ist doch ganz anders gelagert, denn während in den verschiedenen Verwaltungseinheiten der Stadt Bern projektiert wird, wird der Grünraum vor Ort nicht nur bereits genutzt, sondern es wird dort auch immer wieder gebaut. So fanden im Winter und Frühling 2026 umfangreiche Umgebungsarbeiten statt: Oberboden wurde abgetragen, neue Leitungen wurden verlegt, der Quartiertreffpunkt wurde versetzt und es wurde ein Spielbereich für Kinder modelliert. ProjektForum unterstützt Stadtgrün Bern darin, die Strukturen für den «Lernenden Park Viererfeld» aufzubauen – so wurde 2025 unter anderem eine Begleitgruppe mit Vertreter*innen aus dem Quartier aufgebaut, die künftig Ideen einbringt, Bedürfnisse aus dem Quartier mit Stadtgrün Bern koordiniert und auch eigene Projekte vor Ort initiieren kann. Während die Partizipation in unseren ersten zwei Beispielen also auf der Stufe der Konsultation einzuordnen ist, kann im Zusammenhang mit dem Lernenden Park Viererfeld von der höheren Partizipationsstufe der Kooperation gesprochen werden, auf der Betroffene die Möglichkeit erhalten, innerhalb eines vorgegebenen Rahmens bei der Entwicklung, Ausführung und Umsetzung eines Vorhabens mitzubestimmen und mitzugestalten.
Es gäbe noch viel zu erzählen!
Wir beenden unsere Besichtigung mit der Feststellung, dass wir für diesen Beitrag absichtlich drei Beispiele aus grossen Städten gewählt und den Fokus bewusst auf Formate für die organisierte Öffentlichkeit gelegt haben. Wie wir gesehen haben, gibt es verschiedene Zeitpunkte und Formate, um mit Partizipation an Planungs- und Bauprozesse anzudocken – wichtig ist dabei, sich des Partizipationsspielraums immer gewahr zu sein und mit den richtigen Formaten die betroffenen Dialoggruppen zu Beteiligten zu machen. Es gäbe noch viel zu erzählen über Formate, die wir in der Erzählung für dieses Mal ausgeklammert haben: über Grossgruppenveranstaltungen für die breite Öffentlichkeit und Kleingruppenworkshops für spezifische Dialoggruppen, über Mitwirkungen für Kinder und Senior*innen oder über Online-Umfragen in virtuellen Räumen und Standpräsenzen auf öffentlichen Plätzen.
Ausblick: Partizipation in gesellschaftspolitischen Entwicklungsprozessen
Und dann sind da noch die gesellschaftspolitischen Prozesse, von denen wir an anderer Stelle berichten werden – auch sie sind für ProjektForum wichtiger geworden. So durften wir in den letzten Jahren vom Mittelland bis in die Ostschweiz immer wieder an wunderbaren Gestaden tätig werden: Am Bodensee erarbeiten wir für die Hafenstadt Romanshorn derzeit das Gesellschaftskonzept, in der Stadt Thun zeichneten wir uns für das Kinder- und Jugendleitbild verantwortlich und in der Stadt Nidau am Bielersee durften wir vor Kurzem das Integrationskonzept abschliessen.
Weiterführende Informationen zu den genannten Projekten
Winterthur – Testplanung Stadtraum Bahnhof: Im Rahmen der Testplanung werden sowohl die Bevölkerung als auch verschiedene Interessengruppen in den Dialog eingebunden. So begleitet ein sogenannter Echoraum aus Vertreter*innen unterschiedlicher Organisationen und Verbänden den Planungsprozess. Ergänzend sind vielfältige Partizipations- und Informationsangebote für die breite Öffentlichkeit vorgesehen. Auftraggeberin ist das Amt für Städtebau. Für die Verfahrensbegleitung zeichnet sich die Planwerkstadt AG aus Zürich verantwortlich, die ProjektForum AG ist für die Konzeption, Moderation und Dokumentation der partizipativen Formate zuständig.
Zürich – Strassen- und Werkleitungsbau Altstetten West: Im Rahmen einer ersten Phase hat die ProjektForum AG das Tiefbauamt der Stadt Zürich in der Erarbeitung des Partizipationskonzepts unterstützt. In einem Zeitraum von rund sechs Monaten hat die ProjektForum AG im Anschluss die zwei Formate «Echogruppen-Workshops» für die organisierte Öffentlichkeit sowie eine Informationsveranstaltung für die breite Öffentlichkeit konzipiert und moderiert.
Bern – Quartierentwicklung Viererfeld: Die ProjektForum AG begleitet Stadtgrün Bern in der Konzeption, Koordination und punktuell in der Umsetzung von Partizipations- und Kommunikationsformaten. Dabei variiert die Rolle der ProjektForum AG von der Beratung bis zur konkreten Moderation von Veranstaltungen oder der redaktionellen Erarbeitung von Bausteinen für die Kommunikation – je nach konkretem Bedarf von und in Absprache mit Verwaltungseinheiten der Stadt, mit städtischen Leistungsvertragspartnern oder Partnerorganisationen. Dabei stützt sich die ProjektForum AG auf die Grundsätze des Konzepts «Lernende Freiräume» von Soziale Plastik.