Einsamkeit betrifft viele Menschen – und doch wird kaum darüber gesprochen. Seit einem Jahr begleitet ProjektForum das Gesundheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt bei der Entwicklung eines neuen Pilotprogramms zur Prävention von Einsamkeit bei jungen Erwachsenen. Zentral bei der Konzeption der Teilprojekte ist ein partizipativer Ansatz, der Betroffene gezielt einbezieht – nicht als symbolische Stimme, sondern als wichtige Mitgestalter*innen von Lösungen.
Einsamkeit als gesellschaftliche Herausforderung
Seit 2007 steigt der Anteil der jungen Erwachsenen, die sich manchmal oder oft einsam fühlen an. Gemäss Bundesamt für Statistik fühlten sich 2022 fast die Hälfte der 25- bis 39-Jährigen in der Schweiz manchmal oder oft einsam. Einsamkeit gilt laut WHO als globales Gesundheitsrisiko. Die Gründe für Einsamkeit sind dabei vielfältig: Übergänge im Leben, fehlende soziale Netzwerke, psychische oder physische Belastungen, Migrationserfahrungen oder Armut können Einsamkeit begünstigen. Gleichzeitig bleibt das Thema häufig tabuisiert.
Der Kanton Basel-Stadt setzt mit einem neuen Pilotprogramm zur Prävention von Einsamkeit bei jungen Erwachsenen genau hier an: Mit einer Angebotsplattform, einer Weiterbildung, einer Intervention und einer Kampagne sollen Menschen unterstützt werden, ihre soziale Teilhabe zu stärken. Zentral bei der Konzeption dieser Teilprojekte ist eine partizipative Haltung, die Betroffene aktiv einbezieht.
Das kantonale Pilotprogramm verfolgt einen Ansatz, der Einsamkeit nicht moralisiert, sondern als gesellschaftliches Thema ernst nimmt. Ziel ist es, Unterstützungsangebote zu entwickeln, die tatsächlich den Bedürfnissen der Betroffenen entsprechen. Genau dafür braucht es ihre Perspektiven.
Partizipation braucht Vertrauen
ProjektForum durfte das Programm bereits im vergangenen Jahr bei der Konzeption und Moderation der Treffen der Partizipationsgruppe (ca. 15 Selbstvertreter*innen) sowie des Soundingboards (Fach- und Praxispersonen sowei potentielle Mittler*innen) begleiten. Aktuell unterstützen wir die Entwicklung der Workshops für die partizipative Erarbeitung einer konkreten Intervention gegen Einsamkeit, gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe von Menschen mit eigener Einsamkeitserfahrung.
Menschen mit eigener Einsamkeitserfahrung in ein Projekt einzubeziehen, klingt zunächst selbstverständlich. In der Praxis zeigt sich jedoch schnell: Darüber zu sprechen, einsam zu sein oder gewesen zu sein, kann sehr verletzlich machen. Partizipation in diesem Kontext braucht deshalb besondere Sensibilität, Zeit und Vertrauen.
Bereits beim Aufbau der Partizipationsgruppe wurde deutlich, wie wichtig ein sorgfältiger und respektvoller Rahmen ist. Vorgespräche, transparente Kommunikation und die Möglichkeit, selbst über den Grad der Sichtbarkeit und Beteiligung zu entscheiden, sind zentrale Voraussetzungen dafür, dass Mitwirkung überhaupt möglich wird.
Nicht alle Menschen möchten ihre Erfahrungen in grösseren Gruppen teilen. Manche bevorzugen bilaterale Gespräche, andere bringen sich aktiv in Workshops oder Arbeitsgruppen ein. Freija Geniale, verantwortliche Projektleiterin des Pilotprogramms beim Gesundheitsdepartement Kanton Basel-Stadt betont diese Haltung: «Uns ist es wichtig, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohl und sicher fühlen. Dazu gehört eine Kultur, in der Erfahrungen und Meinungen nicht bewertet werden. Wir signalisieren jederzeit Ansprechbarkeit, falls Anliegen auftauchen oder sich jemand unwohl fühlt.»
Entscheidend ist, dass unterschiedliche Formen der Beteiligung möglich sind – ohne Druck und ohne Erwartung, persönliche Geschichten öffentlich machen zu müssen.

Gemeinsam eine Intervention entwickeln
Im Zentrum der aktuellen Zusammenarbeit steht die Entwicklung einer Intervention für Menschen mit starkem Leidensdruck aufgrund chronischer oder belastender Einsamkeit. Die Intervention soll niederschwellig zugänglich sein und Menschen konkret dabei unterstützen, ihre Situation zu verändern.
Wie genau diese Intervention aussehen wird, ist bewusst noch offen. Denn die Intervention soll gemeinsam mit Betroffenen entwickelt werden. Dafür arbeitet eine kleine Gruppe von Menschen mit eigener Einsamkeitserfahrung seit Frühjahr 2026 in einem partizipativen Prozess zusammen. In mehreren Workshops werden Erfahrungen, Bedürfnisse, Ideen und Hürden diskutiert und zu einem Grobkonzept weiterentwickelt.
Unsere Aufgabe besteht dabei unter anderem darin, geeignete Formate und Methoden zu entwickeln, die einen offenen Austausch und strukturiertes Arbeiten ermöglichen und gleichzeitig Sicherheit schaffen. Denn partizipative Prozesse leben davon, dass unterschiedliche Perspektiven Platz haben – gerade auch dort, wo Themen emotional, persönlich oder schambesetzt sind.
Zwischen Expertise und Erfahrungswissen
Spannend in diesem Projekt ist insbesondere das Zusammenspiel unterschiedlicher Wissensformen: Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Einsamkeit treffen auf professionelles Praxiswissen und auf die Erfahrungen von Menschen, die selbst betroffen sind. Gerade die Verbindung dieser unterschiedlichen Perspektiven schafft die Grundlage für tragfähige Angebote. Diese Verbindung betont auch Freija Geniale: «Gerade weil Einsamkeit ein vulnerables und vielschichtiges Thema ist, braucht es die Perspektiven von Menschen mit Erfahrungswissen. Wirkungsvolle und innovative Ansätze entstehen dort, wo gelebte Erfahrung, Forschung und Kreativität zusammenkommen.»
Partizipation bedeutet dabei nicht, Verantwortung vollständig an Betroffene zu delegieren. Vielmehr geht es darum, Erfahrungswissen als eigenständige Expertise ernst zu nehmen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Gerade bei Themen wie Einsamkeit, die oft unsichtbar bleiben, ist dieser Perspektivenwechsel zentral.
Ebenso zentral ist die klare Trennung zwischen Erfahrungswissen und wissenschaftlicher Ebene, ergänzt Freija Geniale: «Beiträge der Partizipationsgruppe werden im Kontext wissenschaftlicher Erkenntnisse betrachtet; der aktuelle Forschungsstand wird aufbereitet, transparent vermittelt und gemeinsam diskutiert. Das Ziel dabei ist, die Teilnehmenden nicht zu überfordern und keine fachlichen Einschätzungen von ihnen zu erwarten, die über ihr Erfahrungswissen hinausgehen.»
Was nehmen wir aus diesem Projekt mit?
Einsamkeit ist ein Thema, das viele Menschen betrifft – und gleichzeitig mit Scham, Rückzug und Unsichtbarkeit verbunden ist. Umso wichtiger sind Prozesse, die Betroffenen Räume eröffnen, in denen sie ihre Perspektiven einbringen können und selbst entscheiden, wie stark sie sich dabei exponieren wollen.
Gerade in vulnerablen Kontexten braucht Mitwirkung flexible, sensible und unterschiedliche Formen. Es braucht Zeit, Vertrauen und die Bereitschaft, Prozesse offen zu gestalten und gemeinsam zu lernen.